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Warum Berührung Schmerzen verändern kann

Wie Berührung, Nervensystem und Schmerzempfinden zusammenhängen

Eine schmerzende Stelle wird häufig ganz automatisch berührt. Man reibt sich das Knie nach einem Stoß, legt die Hand auf den schmerzenden Rücken oder hält eine verletzte Stelle vorsichtig fest. Interessanterweise kann allein diese Berührung dazu führen, dass sich der Schmerz kurzfristig verändert.


Doch warum ist das so? Wie kann ein eigentlich schmerzfreier Reiz wie Berührung beeinflussen, wie stark wir Schmerzen wahrnehmen?


Die Antwort liegt unter anderem in der komplexen Verarbeitung von Reizen durch unser Nervensystem.


Schmerz entsteht nicht einfach dort, wo es weh tut

Schmerz wird häufig als unmittelbares Zeichen dafür verstanden, dass ein bestimmtes Gewebe geschädigt ist. Ganz so einfach funktioniert unser Schmerzsystem jedoch nicht.


Die Internationale Gesellschaft zum Studium des Schmerzes (IASP) beschreibt Schmerz als eine unangenehme sensorische und emotionale Erfahrung, die mit tatsächlicher oder möglicher Gewebeschädigung verbunden ist oder einer solchen ähnelt. Dabei sind Schmerz und sogenannte Nozizeption – also die Verarbeitung potenziell schädlicher Reize durch das Nervensystem – nicht dasselbe.


Unser Gehirn verarbeitet ständig eine Vielzahl von Informationen aus dem Körper. Dazu gehören beispielsweise Druck, Temperatur, Bewegung, Berührung und potenziell schädliche Reize. Diese Informationen werden im Nervensystem miteinander verarbeitet und beeinflussen letztlich, wie wir eine Situation wahrnehmen.


Deshalb kann derselbe körperliche Reiz von einem Menschen als sehr schmerzhaft empfunden werden, während eine andere Person ihn kaum wahrnimmt. Auch bei ein und derselben Person kann sich die Schmerzempfindlichkeit je nach Situation verändern.


Was passiert bei einer Berührung?

Unsere Haut und unser Gewebe verfügen über zahlreiche Sinnesrezeptoren. Sie registrieren unter anderem Berührung, Druck, Vibration und Bewegung und leiten diese Informationen über Nerven an das zentrale Nervensystem weiter.


Treffen gleichzeitig verschiedene Reize aus demselben Körperbereich ein, werden diese Informationen im Nervensystem miteinander verarbeitet. Ein nicht schmerzhafter Reiz kann dabei die Weiterleitung und Verarbeitung von Schmerzsignalen beeinflussen.


Vereinfacht lässt sich dies mit dem sogenannten Gate-Control-Modell der Schmerzverarbeitung erklären. Die Theorie beschreibt, dass nicht schmerzhafte sensorische Informationen die Weiterleitung nozizeptiver Signale im Rückenmark beeinflussen können. Moderne Erkenntnisse zeigen allerdings, dass die Schmerzverarbeitung deutlich komplexer ist als dieses ursprüngliche Modell. Auch übergeordnete Mechanismen im Gehirn können die Verarbeitung von Schmerz verstärken oder hemmen.


Das bedeutet: Berührung löscht Schmerz nicht einfach aus. Sie kann aber beeinflussen, wie das Nervensystem einen Schmerzreiz verarbeitet.


Warum wir eine schmerzende Stelle automatisch reiben

Das typische Verhalten nach einem Stoß ist deshalb durchaus nachvollziehbar: Wir reiben oder halten die betroffene Stelle.


Durch die zusätzliche Berührungs- und Druckinformation erhält das Nervensystem weitere sensorische Informationen aus diesem Körperbereich. Diese können die Verarbeitung des Schmerzreizes verändern und dazu beitragen, dass der Schmerz für einen Moment weniger intensiv wahrgenommen wird.


Ein ähnliches Prinzip lässt sich im Alltag beobachten: Wenn wir uns beispielsweise leicht am Arm stoßen, kann Reiben der Stelle das unangenehme Gefühl kurzfristig reduzieren.


Dabei bedeutet eine solche Schmerzreduktion nicht zwangsläufig, dass eine Verletzung schneller heilt. Es geht zunächst um die Wahrnehmung und Verarbeitung des Schmerzes.


Berührung wirkt nicht nur über die Haut

Der Einfluss von Berührung geht jedoch über die reine Reizweiterleitung von der Haut hinaus.


Schmerz wird im Nervensystem auf verschiedenen Ebenen verarbeitet und moduliert. Dabei spielen unter anderem Strukturen im Rückenmark und Gehirn eine Rolle. Das zentrale Nervensystem kann Schmerzsignale verstärken oder hemmen – ein Vorgang, der als Schmerzmodulation bezeichnet wird.


Auch die Situation, in der eine Berührung stattfindet, kann relevant sein. Eine vertraute, angenehme Berührung wird vom Nervensystem anders eingeordnet als eine unerwartete oder bedrohlich empfundene Berührung.


Damit wird deutlich: Schmerz ist nicht ausschließlich eine Frage des Gewebes. Auch die Verarbeitung der eingehenden Informationen spielt eine wichtige Rolle.


Was bedeutet das für manuelle und osteopathische Behandlung?

Genau hier wird der Zusammenhang für die manuelle Therapie und Osteopathie interessant.


Während einer osteopathischen Behandlung werden verschiedene Gewebe und Körperregionen mit den Händen untersucht und behandelt. Dabei entstehen zahlreiche sensorische Reize – beispielsweise durch Druck, Bewegung und Dehnung.


Diese Reize können Informationen an das Nervensystem weitergeben und dadurch die Verarbeitung von sensorischen und schmerzbezogenen Informationen beeinflussen. Forschung zu manuellen Therapieverfahren spricht dafür, dass neben lokalen mechanischen Effekten auch neurophysiologische Mechanismen an der kurzfristigen Schmerzmodulation beteiligt sein können. Die genauen Wirkmechanismen manueller Behandlung sind allerdings noch nicht vollständig geklärt.


Deshalb wäre es zu einfach zu sagen: „Die Therapeutin löst durch ihre Hände eine Blockade“ oder „die Berührung schaltet den Schmerz aus“. Wissenschaftlich betrachtet ist die Reaktion des Körpers wesentlich komplexer.


Vielmehr kann eine Behandlung über unterschiedliche Mechanismen wirken, zu denen auch die Verarbeitung von Berührungs- und Bewegungsreizen durch das Nervensystem gehört.


Warum das besonders bei Schmerzen wichtig ist

Schmerz hat grundsätzlich eine wichtige Schutzfunktion. Er soll uns darauf aufmerksam machen, dass etwas nicht stimmt, und kann dazu führen, dass wir eine belastete Körperregion schonen.


Bei länger anhaltenden Schmerzen kann sich die Situation jedoch verändern. Das Nervensystem kann empfindlicher auf Reize reagieren, sodass Schmerzen auch dann bestehen bleiben oder leichter ausgelöst werden können, wenn keine entsprechende akute Gewebeschädigung mehr vorliegt.


Das bedeutet nicht, dass die Schmerzen „eingebildet“ sind. Schmerzen sind real – auch wenn nicht immer eine eindeutige strukturelle Ursache gefunden werden kann. Die moderne Schmerzforschung betrachtet Schmerzen deshalb als komplexes Zusammenspiel verschiedener biologischer, psychologischer und sozialer Einflussfaktoren.


Gerade bei länger bestehenden Beschwerden kann es daher sinnvoll sein, nicht nur die schmerzende Körperregion isoliert zu betrachten, sondern auch die Verarbeitung und Regulation von Reizen durch das Nervensystem zu berücksichtigen.


Fazit: Berührung kann mehr als nur angenehm sein

Dass wir eine schmerzende Stelle automatisch berühren oder reiben, ist kein Zufall. Berührungsreize liefern dem Nervensystem zusätzliche Informationen und können die Verarbeitung von Schmerz beeinflussen.


Auch in der osteopathischen Behandlung spielt dieser Zusammenhang eine Rolle. Die Hände des Therapeuten setzen dabei nicht einfach einen mechanischen „Impuls“ an einer bestimmten Körperstruktur. Sie liefern dem Nervensystem vielfältige sensorische Informationen, die zur Veränderung der Wahrnehmung und Verarbeitung von Beschwerden beitragen können.


Berührung ist damit weit mehr als ein mechanischer Reiz – sie ist eine Form der Kommunikation mit dem Nervensystem.


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